Juli 29th, 2009 by peterf

Nichts

Wenn ich gewesen wäre,
hätte ich mir eine Sprache angeeignet.
Aus Sprüngen hätte sie bestanden
und Wendungen, kurze,
und Winde hätte sie gekannt
und die Wolken.

- Hab ich dir von dem Wolkentraum erzählt?
Als das Boot stieg
und die Mundharmonika bitter schmeckte
und die Wolken weiß wurden?
Als der Hintergrund zerfiel,
aber sich senkte
an die Füße des alten Mannes
und zur Säule wurde,
und als das Steigen begann?
Statt Gesicht es nur noch hieß: Tür?

Wenn ich gewesen wäre,
hätt ich mich angefasst
wie der Töpfer den Ton,
aber das Gefäß in nichts als Schwingung verwandelt.

Wenn ich hätte sein dürfen,
hätt ich das Runde so benannt:
Kommendes …
Träume in einem Briefverkehr
Worte, sich findende,
sich verlierende Hände.

Ich hätte das Ufer begonnen
und den Schritt des Gedankens,
ich hätt ihn vom Gehen
ins Spiel gedacht,
und das Spiel gespielt,
und es nochmal gespielt (in sich selbst) …

und die Welt als Scherben erfunden …
die die Horizonte beleuchten …
auf waagerechte, schwankende Weise …

Wär ich gewesen,
ich hätte den Tag verraten,
schon zur Morgenstunde
die Sonnensteine umgestellt,
er hätte nicht gewusst, was ihn spielt.

Seine Bühnen
hätt ich ins Leben gerückt,
und wo er den Gegenstand vorwärts treibt
(wie den Tropfen am dunklen Fenster),
eine Frau singen lassen …

Er hätt sich nimmer ausgekannt,
warum Sommer, wenn er Winter sagt;
warum der Schnee steigt
Schein, wie noch aus keinem,
wär aus mir geworden …
Brechung … Nichts …

wie wäre denn zu sagen schwer

Juli 8th, 2009 by peterf

einleuchtend und leicht

was wir an hand der stille sagen

nicht das verstehen gibt das maß, das hören

dass sich oben von unsren worten nur steingebilde

ist nicht mangel des wortes

ist wahrheit der zeit

das verständliche täuscht darüber

dass wir nichts können als steinfiguren legen

erleben ist oben nur der steinkreis

drum sag ich mir vor

oben bleibt die nacht und der wind der zerstreut

weiter die unwegsamen berge

eines geht immer hindurch

das wort kennt diese welt nicht, heute nicht

nicht gestern, nicht morgen

ging immer hindurch

sag an der stille und es ist der tag

auch wenn nacht ist und gesichter

die nichts davon hören

natürlich was bleibt dir anderes als zu stolpern

links und rechts schlägt der gedanke an

dein blick, der auf alles fällt

aber dein sehen

immer unlängst die spur

auch wenn oben die worte zerbröckeln

zu den tausend jahren

im verfall ist benennung und hauch

wie hättest du nicht an jeder steinseite haus

Schreiben, das ist …

Juli 4th, 2009 by peterf

“Schreiben, das ist so eine Sache” meinte letztens ein befreundeter Autor. (”Autor” will übrigens nichts bedeuten, auch in meinem Fall; ein freier Begriff, soweit ich weiß, jeder darf sich so nennen.) Schreiben, das sei so eine Sache . . .

Ich weiß nicht mehr genau, wie er darauf kam - aber es ließ mich nachdenken, ob das Schreiben denn wirklich selbst eine Sache sei.

Vor ein paar Tagen kam, wenn ich mich erinnere, auf ARTE eine Dokumentation über den jungen Rilke und seine Begegnung mit dem alten Rodin. Interessant fand ich daran das “Luftige”, wenn man so sagen kann, einerseits das Gespickte von Zitaten, andrerseits diese Losigkeit,  fast lächerliche Alltäglichkeit, in der sich all das befand. Der in Rilkes Werk zum Beispiel gerühmte und getragene Ausspruch Rodins: “Il faut toujours travailler, toujours!” - wie zeigte er sich? Fast aufgelöst, nebenher gesagt, zwar doch betont, aber wie über die Dinge hinausverloren.

Überhaupt alle Zitate und so auch der dargestellte Rilke schienen sich wie um leere Mitten zu bewegen - irgendwelche Tagesgeister einer Innenwelt, die hier nicht stattfand und keinen Ort besaß. Nicht mal Schatten jener Innenwelt schienen sich in dieses Tägliche zu werfen . . . Und trotzdem gab es die Sätze. Einige Briefe von Rilke an seine Frau wurden zitiert; manche Aussprüche in den Mund des Schauspielers “gelehnt” . . . Trotzdem gab es die Sätze . . .

Merkwürdig, dass mich das an eine Erzählung von Raymond Carver erinnert, “Warum tanzt ihr nicht?”

Da war noch mehr an der Geschichte, und sie versuchte, es sich ein für alle Mal von der Seele zu reden. Nach einiger Zeit gab sie den Versuch auf.

Zuvor dieser Mann im Garten, der alles bejaht. Er hat die sämtlichen Möbel in den Garten gestellt; dass er sie zum Verkauf anbietet, scheint eher eine Interpretation . . . Er hat die sämtlichen Möbel hinausgestellt, anscheinend aber zur selben Anordnung, sodass, wenn ich mich erinnere, die Nachtkästchen neben dem Bett stehen; der Fernseher vor der Couch; der Plattenspieler im Regal . . . es ist alles dasselbe -  nur eben woanders.

Dass es nun eben woanders ist, scheint dem Mann aber selbst kein wesentlicher Unterschied. Der wesentliche Unterschied wird erst durch das Pärchen, das vorüberfährt, “gesetzt”. Die wollen anscheinend verkaufen sagt das Mädchen. Sie und ihr Freund kommen in den Garten. In meiner Vorstellung liegt dieser in einer tiefen Nacht, und sie und ihr Freund tragen eine Art Lichter, sie beleuchten das Bett, die Couch, den Fernseher . . . Aus dem nachtdunklen Haus tritt der Mann, und er lädt sie ein, alles auszuprobieren, das Bett, den Plattenspieler . . . nur dass ich ihn nicht sehen kann; in meiner Vorstellung hat er kein Gesicht . . . er hat nur eine Geste.

Was ist es am Ende, was das Mädchen in dieses Erzählenmüssen versetzt oder vielmehr in dieses Sprechenmüssen? Der Mann fordert sie auf zu tanzen, oder vielmehr er fragt: Warum tanzt ihr nicht? Und das Mädchen und ihr Freund tanzen. Sie tanzen zwischen den Möbeln; vom Plattenspieler kommt Musik. Auch der Mann tanzt später mit dem Mädchen. Sie zieht den Mann dichter an sich. Sie müssen verzweifelt sein, oder so sagt sie. Und es lässt sie nicht mehr los. Dieser Kreis, scheint es, den sie mit dem Mann tanzt (so in meiner Vorstellung), lässt sie nicht mehr los . . . dieses Drehen und Drehen . . . Sie zog den Mann dichter an sich . . .

Erster Artikel

Juli 3rd, 2009 by peterf

Ui, wie das pulst!

Unverständlich, dass der Nachbar im Garten steht. Warum hüpft er nicht?

Wenigstens hält er sich an der Wäschestange fest, als würde er doch Bewegung spüren.

Er sieht sich seinen Fuß an, als sollte er ihn an etwas erinnern.

Welche Lust immer an diesen neuen Formen . . .  Sie scheinen so wenig begrenzt. Zu allen vier Seiten offene Türen. Hätten sie noch mit einem Stift zu tun, verhielte er sich wie in einem Fluss; triebe dorthin und dahin, überwölbt vom Wasser. So aber ist es das Auge, das sich überwölbt zeigt, und fischig in den Strömungen treibt.

Man möchte es doch glauben.

Das Selbst, das sich zu Klingeltönen auflöst . . .

Ui, wie das pulst.