“Schreiben, das ist so eine Sache” meinte letztens ein befreundeter Autor. (”Autor” will übrigens nichts bedeuten, auch in meinem Fall; ein freier Begriff, soweit ich weiß, jeder darf sich so nennen.) Schreiben, das sei so eine Sache . . .
Ich weiß nicht mehr genau, wie er darauf kam - aber es ließ mich nachdenken, ob das Schreiben denn wirklich selbst eine Sache sei.
Vor ein paar Tagen kam, wenn ich mich erinnere, auf ARTE eine Dokumentation über den jungen Rilke und seine Begegnung mit dem alten Rodin. Interessant fand ich daran das “Luftige”, wenn man so sagen kann, einerseits das Gespickte von Zitaten, andrerseits diese Losigkeit, fast lächerliche Alltäglichkeit, in der sich all das befand. Der in Rilkes Werk zum Beispiel gerühmte und getragene Ausspruch Rodins: “Il faut toujours travailler, toujours!” - wie zeigte er sich? Fast aufgelöst, nebenher gesagt, zwar doch betont, aber wie über die Dinge hinausverloren.
Überhaupt alle Zitate und so auch der dargestellte Rilke schienen sich wie um leere Mitten zu bewegen - irgendwelche Tagesgeister einer Innenwelt, die hier nicht stattfand und keinen Ort besaß. Nicht mal Schatten jener Innenwelt schienen sich in dieses Tägliche zu werfen . . . Und trotzdem gab es die Sätze. Einige Briefe von Rilke an seine Frau wurden zitiert; manche Aussprüche in den Mund des Schauspielers “gelehnt” . . . Trotzdem gab es die Sätze . . .
Merkwürdig, dass mich das an eine Erzählung von Raymond Carver erinnert, “Warum tanzt ihr nicht?”
Da war noch mehr an der Geschichte, und sie versuchte, es sich ein für alle Mal von der Seele zu reden. Nach einiger Zeit gab sie den Versuch auf.
Zuvor dieser Mann im Garten, der alles bejaht. Er hat die sämtlichen Möbel in den Garten gestellt; dass er sie zum Verkauf anbietet, scheint eher eine Interpretation . . . Er hat die sämtlichen Möbel hinausgestellt, anscheinend aber zur selben Anordnung, sodass, wenn ich mich erinnere, die Nachtkästchen neben dem Bett stehen; der Fernseher vor der Couch; der Plattenspieler im Regal . . . es ist alles dasselbe - nur eben woanders.
Dass es nun eben woanders ist, scheint dem Mann aber selbst kein wesentlicher Unterschied. Der wesentliche Unterschied wird erst durch das Pärchen, das vorüberfährt, “gesetzt”. Die wollen anscheinend verkaufen sagt das Mädchen. Sie und ihr Freund kommen in den Garten. In meiner Vorstellung liegt dieser in einer tiefen Nacht, und sie und ihr Freund tragen eine Art Lichter, sie beleuchten das Bett, die Couch, den Fernseher . . . Aus dem nachtdunklen Haus tritt der Mann, und er lädt sie ein, alles auszuprobieren, das Bett, den Plattenspieler . . . nur dass ich ihn nicht sehen kann; in meiner Vorstellung hat er kein Gesicht . . . er hat nur eine Geste.
Was ist es am Ende, was das Mädchen in dieses Erzählenmüssen versetzt oder vielmehr in dieses Sprechenmüssen? Der Mann fordert sie auf zu tanzen, oder vielmehr er fragt: Warum tanzt ihr nicht? Und das Mädchen und ihr Freund tanzen. Sie tanzen zwischen den Möbeln; vom Plattenspieler kommt Musik. Auch der Mann tanzt später mit dem Mädchen. Sie zieht den Mann dichter an sich. Sie müssen verzweifelt sein, oder so sagt sie. Und es lässt sie nicht mehr los. Dieser Kreis, scheint es, den sie mit dem Mann tanzt (so in meiner Vorstellung), lässt sie nicht mehr los . . . dieses Drehen und Drehen . . . Sie zog den Mann dichter an sich . . .